PLÄTZE IN DER DIGITALEN STADT

von Moritz Schweiger und Jeffrey Wimmer

Das Stadtbild und Stadterleben ist mittlerweile von einer Vielzahl digitaler Medieninhalte geprägt – seien es Navigations-Apps auf dem Smartphone oder dynamische Werbeanzeigen auf Großbildschirmen. Während es sich dabei größtenteils um zweidimensionale Inhalte handelt, die sich mehr oder weniger künstlich in das Stadtbild einfügen, überlagern Augmented Reality (AR) Anwendungen den Stadtraum mit dreidimensionalen virtuellen Objekten (Hologrammen). Durch diese natürliche Realitätsüberlagerung hat AR das Potential, das Alltagsleben in der digitalen Stadt noch stärker zu beeinflussen als andere Medientechnologien vor ihr.  Dies gilt besonders für die Wahrnehmung öffentlicher Räume und Plätze, die im Alltagsleben und den täglichen Routinen eine große Bedeutung spielen, ohne dass sie immer explizit wahrgenommen werden (Hester 1993). So stellen die Kommunikationswissenschaftler Tony Liao und Lee Humphreys in einer Studie fest, dass die gezielte Platzierung von Hologrammen auf öffentlichen Plätzen deren Bedeutung für Stadtbewohner:innen maßgeblich beeinflussen kann. Sie beschreiben dies beispielhaft anhand des Markusplatzes in Venedig, auf dem von einer Kunstausstellung ausgeladene oder zensierte Artist:innen als Hologramme platziert wurden und den Platz dadurch für die AR-Nutzer:innen zum Politikum machten. Doch was passiert, wenn der Stadtraum in Zukunft auch durch größere virtuelle Objekte überlagert wird? Wie verändern z.B. Hologramme von Gebäuden öffentliche Plätze in den Augen der Stadtbewohner:innen? Und wie können diese Veränderungen durch AR wissenschaftlich untersucht werden?

Um diese Fragen zu beantworten, gilt es zunächst die unterschiedlichen Formen zu differenzieren, in denen (Stadt)Raum erlebbar wird. Die Soziologin Julia Lossau unterscheidet dabei zwischen drei Dimensionen des Raumerlebens, in denen Menschen mit Raum in Verbindung treten: Wahrnehmung, Bedeutung und Verhalten. Überträgt man dies auf den Stadtraum, so können öffentliche Plätze im Alltag der Stadtbewohner:innen auf unterschiedliche Art und Weise erlebt werden: Sie können laut Saskia Kuliga, Tyler Thrash, Ruth Dalton und Christoph Hölscher unterschiedlich wahrgenommen werden, z.B. als „weitläufig“ oder „beengt“, „abwechslungsreich“ oder „monoton“, „abweisend“ oder „einladend“. Sie können, wie Per Gustafson hervorhebt, unterschiedliche Bedeutungen im Leben der Stadtbewohner:innen entfalten, z.B. als Treffpunkt mit Freund:innen, Rückzugsort im Alltag oder Platz für Kindheitserinnerungen. Und sie prägen das Verhalten der Stadtbewohner:innen, die sich aufgrund physischer Gegebenheiten oder alltäglicher Gewohnheiten z.B. in unterschiedlichen Mustern über den Platz bewegen. 

Diese Überlegungen zum Raumerleben bilden den Ausgangspunkt einer Teilstudie von 'Digista'. Darin untersuchen wir, inwiefern AR-Inhalte die Wahrnehmung, Bedeutung und das Verhalten von Stadtbewohner:innen auf öffentlichen Plätzen beeinflussen. Als Untersuchungsort wählten wir hierfür den Augsburger Rathausplatz, der aufgrund seiner zentralen Lage und Bedeutung für das Stadtleben in den Worten des Kulturhistorikers Christian Schaller als das „pulsierende Herz“ Augsburgs erachtet werden kann. Nicht zuletzt ist es aber seine Geschichte, die ihn für eine Untersuchung großflächiger Hologramme sehr geeignet macht. So wurde sein Erscheinungsbild lange durch das Augsburger Börsen-Gebäude geprägt, welches mehr als die Hälfte der Fläche des Rathausplatzes einnahm. Im Februar 1944 wurde dieses Gebäude allerdings bei Luftangriffen der Alliierten zerstört und in Folge eines Bürgerentscheids nicht wieder aufgebaut, wodurch der Rathausplatz seine heutige, weitflächige Form erhielt. 

Börsen-Hologramm
Börsen-Hologramm

Durch ein Hologramm ersteht die Börse wieder.

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Rathaus mir Börsenholgramm
Rathaus mir Börsenholgramm

Der Blick durch eine HoloLens (Brille) zeigt die Börse und ihre Nachbargebäude als Hologramm.

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Teilnehmer:innen der Studien am Rathausplatz
Teilnehmer:innen der Studien am Rathausplatz

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Börsen-Hologramm
Börsen-Hologramm

Durch ein Hologramm ersteht die Börse wieder.

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In einem Schritt griffen wir auf alte Fotografien, Gemälde oder Postkarten zurück, um ein virtuelles Modell des Gebäudes zu erstellen und an seiner ursprünglichen Position am Rathausplatz zu platzieren. Die Studienteilnehmer:innen konnten dann mit Hilfe einer AR-Brille (Microsoft HoloLens 2) das Hologramm aus unterschiedlichen Blickwinkeln betrachten, sich frei über den Platz bewegen und die Augsburger Börse sogar betreten. Währenddessen wurden sie von einem:einer Interviewer:in begleitet, um sie durch die AR-Erfahrung zu führen und im Falle von Gefahrensituationen, z.B. beim Überqueren der Maximilianstraße, eingreifen zu können. Um den Teilnehmer:innen die Möglichkeit zu geben, ihren Eindrücken zur AR-Erfahrung unmittelbar Ausdruck zu verleihen, wurde direkt im Anschluss ein Interview in einem nahe gelegenen Seminarraum durchgeführt. Durch Vorher-Nachher-Fragebögen konnte ermittelt werden, wie sich die Wahrnehmung des Rathausplatzes durch das Hologramm verändert. Der Einfluss auf die Bedeutung des Rathausplatzes wurde durch die Methode des 'Lauten Denkens' untersucht, bei der die Teilnehmer:innen alles aussprachen, was ihnen während der AR-Erfahrung durch den Kopf ging. Die spontanen Äußerungen, Blickrichtungen und Körperhaltungen der Teilnehmer:innen wurden dann mit Hilfe der AR-Brille aufgezeichnet und ihnen anschließend im Interview per Video vorgeführt. Dadurch konnten sowohl spontane als auch reflektierte Aussagen generiert werden, wie sich die Bedeutung des Rathausplatzes durch das Hologramm verändert. Das Verhalten auf dem Rathausplatz wurde per GPS-Tracking erhoben, indem wir die Lauflinien und Bewegungsmuster der Teilnehmer:innen per AR-Brille aufzeichneten. 

Die Befunde zeigen, dass viele Teilnehmer:innen das Hologramm der Börse als „störend“, „wuchtig“ oder „erschlagend“ wahrnehmen, während sie den Rathausplatz dadurch als „weniger offen“, „unbequem“ und „kalt“ empfinden. Ein Teilnehmer beschreibt das wahrgenommene „Freiheitsgefühl“ am Rathausplatz, das durch die Börse verlorenginge. Ebenso würde sich die Bedeutung des Rathausplatzes im Alltag der Augsburger verändern, wie es eine Teilnehmerin treffend erklärt: „Es gibt keinen zentralen Platz mehr. Es wird alles verfliegen. Leute wären in kleineren Cafés oder an irgendwelchen Seen oder Flüssen, aber es gäbe nicht mehr diesen großen Platz, wo alle gerne sitzen. (…) Das Leben in der Stadt und das Freunde-treffen in der Stadt wären weniger spontan.” Diese Aussagen lassen gut erste Tendenzen erkennen, wie stark das Raumerleben von öffentlichen Plätzen durch AR in der digitalen Stadt beeinflusst werden kann. Es überlagert den Stadtraum mit neuartigen Bedeutungs-Schichten, die sowohl die Wahrnehmung als auch das Verhalten auf öffentlichen Plätzen sehr schnell und nachhaltig verändern können.